31.12.2017 11:35 Alter: 231 days

Nationen-Rekord für die Gymnaestrada könnte erreicht werden


Gymnaestrada-Geschäftsführer Erwin Reis sieht die Vorbereitungen für das Welt-Turnfest 2019 in bestem Verlauf.

Gymnaestrada-Geschäftsführer Erwin Reis ist unablässig als Botschafter für das Welt-Turnfest 2019 unterwegs – das Ziel, einen Rekord an teilnehmenden Nationen aufzustellen, dürfte erreicht werden. | Interview: Burkhard Reis 

Erklärung: Dieses Interview wurde für die Verbandszeitung VTS info erstellt und in der Dezemberausgabe 2017 veröffentlicht.

„Wir werden die Autoreifen durch Trampoline und Matten ersetzen“

1999 waren bei der Gymnaestrada in Göteborg 55 Nationen am Start – ein Rekord, der auch 2007 mit damals 53 Ländern nicht getoppt werden konnte. Welche Beweggründe gab es, einen Nationenrekord mit 60 Ländern als Ziel zu definieren?

 „Es geht nicht nur um den Rekord im Sinne einer Bestmarke; vielmehr ist es mein Anliegen, Menschen aus anderen Kontinenten Sport und Bildung, Motivation und bleibende Freude am Turnen zu vermitteln sowie auch unser Land Vorarlberg mit seinen Besonderheiten zu präsentieren. Dauerhafte Kontakte haben wir seit 2010 im ostafrikanischen Land Malawi. Dabei handelt es sich um ein Patenschafts-Projekt für 120 Waisen-Kinder an mehreren Schulen. Vor kurzem war ich in Malawi und habe sie besucht.“

 

Sind die Ostafrikaner schon reif für die Gymnaestrada?

 „Sie sind auf einem guten Weg und werden in den nächsten Monaten sicher weitere Motivation dazu gewinnen. Wir werden uns nämlich dafür einsetzen, dass drei Schulen in Malawi, Tansania und Kenia mit Turnmatten, Weichböden und Trampolinen ausgestattet werden. Der Einsatz der Jugendlichen ist jetzt schon beeindruckend: sie haben Überschläge auf Steinböden und Saltos mit Absprüngen von Autoreifen als Trampolin-Ersatz gezeigt.“

 

Wie sollen sie im Umgang mit den neuen Geräten geschult werden? 

 „Dank einer Unterstützung des Sportministeriums im Projekt ‚Sport- und Entwicklungszusammenarbeit‘ werden wir dort die Infrastruktur verbessern und Kenntnisse des Turnens mit Hilfe von VTS-Trainern vermitteln. In den Semesterferien gehen unter anderem Nicole Tschabrun vom ASTV Walgau und Nina Amann von der TS Hohenems und Moritz Begle an die Schulen in Malawi, um Workshops zu leiten.“

 

Welche Kosten fallen durch solche Projekte auf anderen Kontinenten an, wie gestaltet sich die Finanzierung dieser Förderungen?

 „Neben den genannten Fördergeldern laufen alle dieser Aktionen über das ‚Rainbow-Projekt‘. Die Finanzen dafür stammen aus dem Erlös des Gastgeber-Laibes und diverser Sponsoren. Alles, was hier investiert wird, kommt aus dem Rainbow-Projekt. Kein Geld der Gymnaestrada-Töpfe wird dafür verwendet.“

 

 Bringt die Gymnaestrada generell Kosten für Vorarlberger Steuerzahler?

 „Die Gymnaestrada ist im Vergleich zu anderen großen stark geförderten Sportveranstaltungen eine Ausnahme und ein Gewinn für das Land. Die rund 20.000 Aktiven bezahlen selber Beiträge für ihre Teilnahme, dadurch und mit den Sponsoren kommt das Budget zustande. Daneben gibt es auch Förderungen von Bund, Land und Stadt Dornbirn, die wir schätzen, die in Relation aber begrenzt sind. 

 

Die ostafrikanischen Länder sind keine Mitglieder des Internationalen Turnverbandes FIG. Wie ist ein Start 2019 möglich?

 „In der FIG gibt es mit dem Japaner Morinari Watanabe einen neuen Präsidenten, der hier Offenheit bewiesen hat. Über das Projekt der ‚Discovering Nations‘ können erstmals auch Nicht-FIG-Mitglieder starten. Wir sind stolz darauf, die Initiative dazu erfolgreich umgesetzt zu haben.“

 

Das Projekt in Afrika ist nur eine von vielen Botschafter-Tätigkeiten auf der ganzen Welt. Wie nehmen die Turnsportler eure Besuche an? 

 „Wir waren bei Treffen von lateinamerikanischen Turn-Nationen in Rosario/Argentinien und in Colombo/Sri Lanka, wir hatten unter anderem Kontakte mit Delegierten aus dem Iran, Afghanistan und Nepal. Sogar Exoten in Ozeanien wie Samoa, die Cookinseln, Fidschi und Papa Neuguinea erwägen 2019 eine Teilnahme.“

 

Wie gelingt es, sie zu überzeugen?

 „Die FIG bietet auf allen Kontinenten Fortbildungen in der Sparte ‚Gymnastics for all‘ (Anmerkung: Turnen im Sinne der Gymnaestrada) an. Da sind wir jeweils als Botschafter des Welt-Turnfests 2019 dabei. Trainer und Lehrer aus den beteiligten Nationen werden ins Turnen eingeführt, lernen Tänze und Ähnliches. Der entscheidende Faktor für die Motivation der Turnsportler ist unser Interesse: Wir besuchen die Nationen und nehmen Kontakte auf – sie sehen das als große Wertschätzung an. So können wir Netzwerke bilden und neue Nationen gewinnen.“

  

Wie beanspruchend sind die Reisen mit Empfängen und Ähnlichem?

„Wenn ich dauernd geschäftsmäßige Essen und Empfänge wahrnehmen müsste, wäre das wohl ermüdend. Zum Glück ist es aber nicht so: Wir haben Kontakte mit Turnern von der Basis, bieten in Kursen konkrete Inhalte an. Die Treffen sind von Wertschätzung geprägt, ich komme mit viel Energie zurück. Außerdem nehme ich wenn möglich Native-Speaker aus Vorarlberg mit. Mit spanisch-, russisch- oder portugiesisch sprechenden Kolleginnen konnten bereits hervorragende Kontakte geknüpft werden.“

  

Ist die Gymnaestrada dein sportlicher Höhepunkt?

„Ich kann sagen, dass mein Leben vom Sport geprägt ist. In jungen Jahren habe ich Fußball in der Regional- und Vorarlbergliga gespielt. Nach dem Studium habe ich 15 Jahre am BRG Schoren unterrichtet. Dann war ich hauptamtlich Sportabteilungsleiter in Dornbirn und später Leiter beim Aufbau der landesweiten Sportinfo, dem Vorläufer des heutigen Sportservice. Es ist gelungen Strukturen für den Sport aufzubauen. Langlaufen, Handball und Reiten gehörten zu weiteren Initiativen. Jetzt nutze ich die Pension zur Organisation des Welt-Turnfests in Vorarlberg; das ist schon ein Highlight in meinem sportgeprägten Leben.“