06.05.2021 13:00 Alter: 40 days

Ein Verband mit langer Tradition

Die Vorarlberger Turnerschaft feiert in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen. In der aktuellen Ausgabe vom "Aufschwung" haben wir die Geschichte deshalb erstmals ein wenig revue passieren lassen. Ein kurzer Rückblick in vier Teilen. Jetzt reinklicken und Teil 1 anschauen.


Fahneneinzug beim Landesjugendturnfest 1946 in Dornbirn

Die letzten 75 Jahre des Turnens in Vorarlberg sind geprägt von turnerischer Weiterentwicklung sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport, großen sportlichen Erfolgen und noch größeren organisatorischen Leistungen bei nationalen und internationalen Veranstaltungen.

In einigen Publikationen* (siehe Faktbox unten) kann die geschichtliche Ent-
wicklung des Turnens  mit  Blick auf die politischen und sport-
lichen Aspekte nachgelesen werden. Hier eine stark gekürzte Zusammenfassung.

Teil 1:  1946 bis 1970

Besonders hervorzuheben ist die Pionierleistung der  Männer der ersten Stunde. Im ganzen Land haben sich engagierte, turnbegeisterte (vorwiegend) Männer nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg in den Turnhallen zusammengefunden, um trotz schwieriger Bedingungen, „ihrem Turnsport“ zu frönen. Der Begriff Turnen beinhaltete damals sowohl Handball, Schwimmen und Leichtathletik als auch das Turnen an Geräten (heute Kunstturnen). Besonders hervorzuheben ist aber die Verankerung einer neutralen Organisation der Vereine, ohne politische Zugehörigkeit. War doch das Turnen in seiner Geschichte sehr oft auch politisch vereinnahmt, die bestehenden Vereine jeweils auch einer Gesinnung zugeordnet.

„Am 9. Februar 1946 wurde mit Willensbekundung eine Einheitsturnerschaft gegründet, die auf überparteilicher Ebene jedem Bürger, gleich welcher politischen Gesinnung, Weltanschauung, Religion und dgl. mehr die Möglichkeit zu körperlicher, sportlicher turnerischer Betätigung bietet“. Für diese Einmaligkeit werden wir heute noch in ganz Österreich beneidet.

Den ersten beiden Präsidenten Ferdinand Grubhofer (1946-1968) und Dipl. Ing. Hofrat Ferdinand Waibel (1968-1972) ist es zu verdanken, dass alle Turnvereine sich der unpolitischen, unabhängigen Vorarlberger Turnerschaft anschlossen. Beide waren auch jahrelang Funktionäre im VSV und ÖFT und sowohl vom Turnverband als auch von Bund und Land mehrfach ehrenvoll ausgezeichnet.

Die Wettbewerbe wurden rasch organisiert. Dem ersten Landesturnfest in Dornbirn 1946 (700 Teilnehmer) folgten in regelmäßigen Abständen (meistens drei Jahre) weitere mit zunehmender Beteiligung, auch aus der Schweiz (bis 4500 TN 1985 in Lustenau) bis ins Jahr 2003 in Dornbirn.  

Den ersten Besuchen bei Eidgenössischen Turnfesten in Bern 1947 und Lausanne 1951 sollten im Laufe der Jahre noch viele weitere folgen. Das Sektionsturnen (aus der Schweiz bekannt) hatte auch in unseren Vereinen einen hohen Stellenwert. Die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zum Schweizer Turnverband dauern von damals bis heute an.

Auch das jährliche Landesjugendturnfest entwickelte sich zu einer besonderen Leistungsschau des Turnens als Grundsportart und wird bis zur heutigen Zeit jährlich durchgeführt, auch dies ist einmalig in Österreich.

Mit 100 TurnerInnen und Gymnastinnen nahm die VTS 1965 bei der ersten Weltgymnaestrada im eigenen Land teil, mit in Wien dabei auch der Musikverein Satteins! Im Anschluss daran konnten die weltbesten TurnerInnen (z.B. Vera Caslavska, Tschechoslowakei) zu einem Schauturnen nach Vorarlberg gelockt werden. Bei der WG in Basel 1971 und Berlin 1975 konnte jeweils eine große Delegation der VTS mit schönen Vorführungen das Publikum begeistern. Der spätere Visionär für die Weltgymnaestrada in Vorarlberg Ernst Mathis war bei diesen drei Events Delegationsleiter der VTS.

Kunstturnertage gab es nach Schweizer Vorbild bereits 1948 – 1950 in Bregenz, Hohenems und Klaus. Damals erhielten die Sieger erstmals auch Warenpreise. Nach einer langen Pause konnte dann 1969 mit dem Vorarlberger Kunstturnertag wieder an diese Tradition angeschlossen werden. Das „Turnen der Weltbesten“ in der Messehalle Dornbirn  1965 und 1967 waren die engagierten Anfänge einer internationalen Turnveranstaltung im Ländle.

Die Erfolge blieben auch bei den Einzelsportlern nicht aus. So konnte Herbert Spiegel (TS Dornbirn) bereits 1947 den Staatsmeistertitel erturnen. In den folgenden 18 Jahren gingen 15 Staatsmeistertitel im Mehrkampf an Vorarlberg. Einer überragte alle: Hans Sauter, Teilnahme bei vier Olympischen Spielen (London 1948, Helsinki 1952: 6. Platz am Seitpferd; Melbourne 1956, Rom 1960), Serientitel bei Österreichischen Meisterschaften. Er war mit seinem Können, seinem Trainingseifer und seiner bescheidenen Persönlichkeit bis ins hohe Alter ein Vorbild für die Turnjugend im Land. Danach trat Johann König in die Fussstapfen seines Trainers und Vorbilds Sauter. Besonders in den Vereinen in Bregenz, Hohenems und Wolfurt wurde auf sehr hohem Niveau und Engagement noch jeweils am Abend nach der Schule oder der Arbeit trainiert. Die Frauen konnten insbesondere in der Leichtathletik internationale Erfolge verbuchen. So waren Regina Branner (TS Rankweil) und Reinelde Knapp (TS Bludenz) auch Teilnehmerinnen bei Olympia.

Im Wissen um die Wichtigkeit der guten Grundausbildung in den Vereinen, organisierte die VTS bereits zu dieser Zeit in  Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Leibeserziehung in Innsbruck Trainerseminare.

Ehrenamtliches Engagement und Begeisterung für den Turnsport waren damals der Antrieb für alle, TrainerInnen, FunktionärInnen und auch SportlerInnen. Turnen sollte nichts kosten! Jedes Talent trainierte im eigenen Verein. Im Sog von Hans Sauter entstand eine regionale Trainingsgruppe, ein kleiner Vorläufer der heutigen Kaderarbeit. Im Osten Europas wurde bereits auf professionelle Trainer und wissenschaftliches Training gesetzt - damit wurde ein Vorsprung erarbeitet, der bis heute spürbar ist.
Beim Landesturnfest 1968 in Dornbirn fand der Spatenstich für die Landessportschule (heute Olympiazentrum Vorarlberg) statt. Die 70iger-Jahre sollten dann eine neue Ära des Turnens in Vorarlberg einläuten, auch das Kunstturnen der Turnerinnen und die Rhythmische Gymnastik gewinnen an Bedeutung.  Doch dazu mehr im nächsten „Aufschwung“.

 

Faktbox:

Literatur zur „Turngeschichte“

Doris Rinke: 150 Jahre Turnen in Dornbirn, 2012

Peter Laurin: Turnen Fürs Vaterland, Sport Zum Vergnügen, Vorarlberger Sportgeschichte Bis 1945, 2001

Jubiläumsschrift: 50 Jahre Vorarlberger Turnerschaft, Herausgeber VTS, 1996