13.01.2011 21:47 Alter: 9 yrs

VTS-Interview


Barbara Gasser bei der EM in London.

Als 13jähriges Nachwuchstalent in Lustenau.

Bei der ÖM 2010 in Lustenau wurde sie Mehrkampfmeisterin.

Einsatz bei der EM 2005 in Debrecen.

Barbara Gasser holte 2010 in Osijek Vorarlbergs erste Weltcup-Silbermedaille. Außerdem wurde sie Siebente im Weltcup 2010 am Stufenbarren. Die 21jährige Profi-Turnerin ist amtierende Mehrkampf-Staatsmeisterin, kann bereits auf 11 Staatsmeistertitel verweisen und ist vierfache EM-Teilnehmerin bzw. WM-Teilnehmerin 2009.

Im einem ausführlichen Interview für vts.at erzählt die seit 2003 in Kanada lebende Lustenauerin alles über ihre Turn-Karriere – von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Wie bist du das erste Mal zum Turnen in der TS Lustenau gekommen?

Ich kann mich noch sehr gut an diesen Tag erinnern. Ich war etwa sieben Jahre alt und übernachtete bei einer Freundin, die am nächsten Morgen zum Training musste. Eigentlich hatte sie mir angeboten, zuhause zu bleiben, aber ich wollte unbedingt mit. Und dann hat mir beim Turnen so gut gefallen, dass ich sofort meinen Eltern davon erzählte. Sie haben mich dann bei der TS Lustenau angemeldet. Meine ersten Trainerinnen in Lustenau waren Beate Sinnstein und Judith Witzemann. Kurios an der Sache ist, dass mir meine Mutter erst viele Jahre später erzählte, dass sie auch einmal eine Turnerin war.

Wie war deine erste Zeit im Landeskader?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich schon im Landessportzentrum war, als Sybille Meusburger noch geturnt hat, meine erste Trainerin war Renate Moosmann. Später war ich dann auch in der Gruppe mit Verena Oberhauser, unsere Trainerin war Christine Frauenknecht. Eine wunderschöne Zeit hatte ich, bevor wir nach Kanada ausgewandert sind, mit meinen Trainingskolleginnen Lara Hagen, Anja Fink, Katrin Gobber und Katharina Germann. Später haben sie mich sogar mit Christine Frauenknecht auf einem Trainingslager in Kanada besucht!

Wie und wann haben dir deine Eltern erklärt, dass ihr nach Kanada geht?

Mein Großvater lebte schon in Kanada, so hatte mein abenteuerlustiger Vater seit jeher einen Bezug zu diesem Land. Unsere Eltern haben mich und meinem Bruder nach einem Sommerurlaub in Kanada gefragt, was wir davon halten würden, hierherzuziehen. Wir waren sofort einverstanden. Als die Eltern uns dann zwei Jahre später mitteilten, dass wir nun endlich ein Visum für Kanada erhalten hatten, war ich bereits in der 4. Klasse Hauptschule und nicht mehr so begeistert von dieser Idee. Die ersten Jahre waren für uns ein wirklicher Kampf. Doch unsere Eltern machten es uns so schön wie möglich. Als wir uns dann endlich so richtig eingelebt hatten, wollten wir gar nicht mehr zurück.

Kannst du dich an dein erstes Training in Kanada erinnern?

Ich kannte die Trainer Dave und Liz Brubaker schon, weil ich einmal in einem Sommerurlaub für zwei Tage bei ihnen trainiert hatte. Ich war trotzdem sehr nervös, weil ich vor neuen Dingen immer etwas Angst hatte. Sobald ich aber in meinem Turnanzug war, war ich wieder in meinem Element. Zu dieser Zeit bauten sie gerade eine neue. Es gab damals nur eine internationale Turnerin in unserem Club. Sie war allerdings sehr gut, und ich wollte es auch so weit bringen. Generell war in Kanada das Training in allen Sparten etwas professioneller als in Vorarlberg.

Warum entscheiden sich im Gegensatz zu dir die meisten österreichischen Turnerinnen für ein Ende der Karriere, zwischen 13 und 16 Jahren?

Zuerst einmal ist dieser Sport mein Ein und Alles. Außerdem hat sich in Kanada meine Sicht vom Turnen geändert. Es war nicht nur mehr ein Hobby, ich habe es als meine zentrale Aufgabe gesehen. In der Pubertät hören viele Turnerinnen auf. Ich habe mich durch diese schwierige Zeit durchgekämpft.

Wie ist der Turnsport in Kanada organisiert?

Die Turnerinnen trainieren alle in Vereinen wir kennen keine vereinsübergreifenden Trainingszentren. Die meisten Vereine werden von den Eltern aufgebaut und geleitet. Die Trainer werden somit von den Eltern angestellt, deshalb ist das Training sehr teuer. Wir müssen alles selber zahlen – Training, Wettkämpfe und Reisen. Unter anderem müssen wir auch unsere Turnhalle selber sauber halten, Reperaturen regeln und uns an Spendenaktionen und anderen Aktivitäten beteiligen.

Bekommst du Unterstützung aus Österreich?

Die Kanadischen Turnerinnen des Nationalkaders erhalten finanzielle Sporthilfe. Dadurch werden Training, sämtlich Aufwände und Taschengeld abgedeckt. Ich habe mich aber für das Österreichische Nationalteam entschieden. 2009 habe ich finanzielle Mittel der Sporthilfe aus Österreich erhalten. Dann hatte ich nach den Verletzungen keine gute Saison und meine Leistungen 2010 (wie der Weltcup-Erfolg in Osijek) wurden nicht als Kriterium für Sporthilfe anerkannt.

In welche Schule bist du in Kanada gegangen, wie konntest du Schule und Kunstturnen verbinden?

Ich ging in eine normale Highschool. Mit dem Training ließ es sich perfekt verbinden. Wir trainierten immer von sieben bis neun Uhr, dann ging ich anschließend von 9.30 bis 14.30 Uhr in die Schule und danach wieder ins Training, von 15 bis 18 Uhr. In Kanada fördern die Schulen den Sport. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass gute Sportler ein Stipendium in den USA erhalten können. Derzeit mache ich gerade einen Bachelor Arts (B.A) in General Studies. Da viel online erledigt werden kann, lässt sich das mit der Arbeit, dem Training und den Reisen relativ gut verbinden.

Möchtest du vielleicht für immer in Kanada bleiben?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen, obwohl ich dieses Land liebe. Die Landschaft ist beeindruckend, die Seen mit ihren Stränden erinnern mich ans Meer und Kanada ist multikulturell. Außerdem ist es hier sehr ruhig und die Leute sind sehr freundlich. Trotzdem ist es mein Traum, einmal im Süden zu leben, denn ich mag den kanadischen Winter nicht.

Welche Probleme ergaben sich durch die große Entfernung nach Österreich, nachdem du ja für Österreich turnst und in Kanada trainierst?

Es ist schwierig mir das Jahr so einzuteilen, dass ich in der Schule mitkomme; ich bin ja manchmal zwei bis drei Monate weg. Außerdem ergibt sich durch die vielen Fernreisen ein großer finanzieller Aufwand.

Eine Verletzung hat dir 2009 arg zu schaffen gemacht …

Angefangen hat es mit Rückenproblemen, die sich dann durch Kompensation auf das Sprunggelenk verlagert haben. Und durch den zu schnellen Wiederaufbau kamen dann immer wieder andere Verletzungen dazu: Meniskus, Bändereinrisse, usw. Es war keine einzelne Verletzung, mein Körper war aus dem Gleichgewicht gekommen. Ich habe dann viele Stunden mit Krafttraining und Physio-Übungen verbracht. Ich bin auch sehr dankbar, dass ich von meinen Eltern in jeder Hinsicht unterstützt wurde, vor allem von meinem Vater, der mich auch therapeutisch betreut hat.

Wie ist es dir in letzter Zeit gelungen, die Schwierigkeit deiner Übungen zu steigern?

Ich verbrachte viel Zeit damit meine Basisübungen zu perfektionieren. Ich denke aber auch, dass ich mental stärker geworden bin. Letztlich geht es aber ausschließlich um die Bereitschaft zu hartem und ausgiebigem Training. Mit meinem aktuellen Leistungsstand bin ich noch lange nicht zufrieden. Ich werde mich anstrengen, um mein Potenzial voll auszuschöpfen. Heute bin ich mit täglichen fünf Trainingsstunden eine Profi-Sportlerin. Diesen Weg habe ich nicht in einer einzelnen Entscheidung gewählt. Der Übergang war fließend – und mittlerweile bin ich so weit gekommen.

Welches war dein größter Erfolg, dein schönstes Erlebnis?

Ich kann nicht nur einen schönen Erfolg oder ein Erlebnis herausheben, weil für mich die ganze Turnkarriere bis jetzt ein schönes Erlebnis ist, das mit vielen Erfolgen gekürt wurde. Ich habe so viel in diesem Sport fürs Leben gelernt. Und ich bereue keinen einzigen Tag. Meine Zeile für die Zukunft habe ich mit der Universiade 2011 und der EM und WM 2011 auch schon festgelegt. Bei der WM 2011 geht es ja um eine mögliche Olympiaqualifikation.